Kiez

Ich öffne meine schweren Lider und blicke ins Jetzt.
Ich streiche die Decke von mir und trete mit nackten Füßen auf die warmen Dielen.
Helles Licht strömt ins Zimmer, begleitet vom leisen Stimmengewirr des Innenhofs.
Der vertraute Duft von Kaffee steigt in meine Nase.
Ich sitze hier. Dankbarkeit durchströmt mich. Ich muss lächeln. Meine Augen glänzen. Tränen der Erleichterung steigen in mir hoch.

Als ich den heißen Asphalt der grenzenlosen Stadt betrete,
fühle ich mich frei.
Alles gepflastert mit Beton-
doch ich kann endlich atmen.
Mein Blick ist offen und ich spüre,
wie sich auch die letzten Stücke der einst hohen Mauer in meiner Brust lösen.
Da wo das Herz schlägt, ist es warm.
Ich bin auf Empfang gestellt und verliere mich in der Unendlichkeit der Stadt.
Hier in dieser Stadt, in die ich nicht reinpassen muss,
denn ich passe von selbst.

Ich laufe durch den Kiez:
Ein Mann öffnet sein Geschäft.
Klamotten hängen ordentlich gereiht in einem schmalen Gang.
Hier lebt er seinen Traum, sagt er.
Aus der Dönerbude nebenan tönt lauter HipHop.
Dass ich Fan bin, sage ich- sie sind Fans erwidern sie und zwinkern mir zu.
Im Kiosk ruhen freundliche Augen auf mir-
Kartenzahlung erst ab zehn, aber „ist schon okay“ sagt er
und reicht mir meine Flasche Wasser und die Packung Airwaves.
Einkaufen, wo es 24 Stunden Gemüse gibt.
„Mademoiselle“, lacht er und streckt mir die weiße Plastiktüte mit dem Salat entgegen.
Ich fahre mit der Bahn Richtung Kreuzberg.
Das Mädchen mit den großen braunen Augen sitzt mir gegenüber-
wir lächeln uns an. Hier braucht es keinen Grund,
nur einen kurzen Ausdruck flüchtiger Verbundenheit.

Freiheit bekommt einen neuen Ausdruck,
denn hier leben Räume ohne Bewertung.
Hier fühlt sich jede Tageszeit besonders an.
Der Morgen wie ein Neustart,
das Highlight folgt am Mittag
und endet im großen Finale am Abend.

Diese Stadt schläft nicht. Und deswegen wache ich jeden Morgen auf,
mit schweren Beinen, kleinen Augen und wunden Füßen.
Sie sind ein Zeichen meiner bedingungslosen Hingabe.

Hier ist mein Platz, hier will ich bleiben:
Berlin- Damals war ich ein Gast, jetzt bin ich dein Inventar. 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert