Kategorie: Berlin

  • Swipe

    Swipe

    Ein Swipe nach rechts- und sie ist da. Die gelangweilte Neugier auf noch eine Person, die ich nicht kenne. Diese Oberflächlichkeit, die sich von ganz alleine in meinem Sein breitmacht.
    Fast bemerke ich nicht, wie ich meinen Wunsch nach der Tiefe in Personen, durch die Hässlichkeit meiner Bewertung ersetze:

    Sieht ganz nett aus, aber irgendwie mag ich die Hose nicht, die er trägt.
    Sein Lächeln- ganz süß, aber finde den Fehler in der Art, wie er da steht. 

    Ich scrolle durch sein Profil und setze das Bild eines Menschen, mit den kleinen Fragmenten aus Fotos und Sätzen zusammen.
    Und weiß auf einmal jetzt schon, was er sagt, was er mag und was er mich fragt.
    Die Vorstellung eines Treffens ödet mich an.
    Meine Gedanken öden mich an.
    Meine Gedanken- die so oberflächlich um Menschen kreisen und dabei ein Meer aus Gesichtern konsumieren. 

    Der Konsum, der mich zwischen all den Swipes müde macht. Es ist der gleichgültige Versuch, die Leere mit dem kurzen Gefühl von Zuspruch eines Matches zu füllen, nur um dann weiter durch die Masse der Fotos zu wischen.
    Denn  vielleicht wartet die schicksalhafte Fügung hinter dem nächsten Profil.
    Und führt ein Chat dann doch zu einem Treffen, wird die Begegnung begleitet von der stillen Erwartung nach Mehr. Eine unausgesprochene Hoffnung auf Distanzlosigkeit, um dem inneren Bedürfnis von Nähe nachzukommen.
    Gleichzeitig wird der Drang immer größer zu gehen-
    denn der Konsum ist wie eine Droge: nach einem Date folgt das nächste Match und so vermischen sich die Geschichten, die Gesichter und die Tage zu einem Brei aus endloser Belanglosigkeit.

    Und nun sitze ich hier, starre das Display an-
    und fühle mich leer. 
    Ich lösche die App,
    denn ich kann das nicht mehr.

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

  • Goldene Straßen

    Goldene Straßen

    Mit langsamen Schritten laufe ich Richtung Sonne.
    Sie taucht die Straße in ein tiefes Orange und hinterlässt ein Gefühl von Geborgenheit.
    In diesem Moment weicht der Dreck der Stadt, dem goldenen Licht der Abendsonne.
    Die kühle Luft vertreibt die dröhnende Hitze, die vom Mittag übrig geblieben ist.

    Und ich gehe weiter, halte Ausschau nach der nächsten Haltestelle.
    Entscheide mich um und werde langsamer.
    Denn es gibt hier so viel Schönheit im Augenblick der beginnenden Dämmerung.

    Neben dem Anzug läuft ein verkleideter Fuchs, der dem Kind mit den Zöpfen Platz macht.
    Sie zeigt begeistert auf das schillernde Kostüm einer großen Frau, die einen tiefen Zug ihrer Zigarette inhaliert. Sie spricht mit rauchiger Stimme zu der Verkäuferin mit den Blumen,
    während sie zufrieden einen Strauß bindet. Jemand mit roter Frisur kauft Rosen,
    die seine Augen leuchten lassen und ein Typ mit schwarzem Umhang summt fröhlich ein Lied,
    als er die Straße überquert.

    Mit jeder Begegnung wächst die Wahrhaftigkeit dieser Stadt in mir.
    Sie zeigt mir den wertfreien Raum inmitten der lebendigen Fülle der Freiheit.

  • Kiez

    Kiez

    Ich öffne meine schweren Lider und blicke ins Jetzt.
    Ich streiche die Decke von mir und trete mit nackten Füßen auf die warmen Dielen.
    Helles Licht strömt ins Zimmer, begleitet vom leisen Stimmengewirr des Innenhofs.
    Der vertraute Duft von Kaffee steigt in meine Nase.
    Ich sitze hier. Dankbarkeit durchströmt mich. Ich muss lächeln. Meine Augen glänzen. Tränen der Erleichterung steigen in mir hoch.

    Als ich den heißen Asphalt der grenzenlosen Stadt betrete,
    fühle ich mich frei.
    Alles gepflastert mit Beton-
    doch ich kann endlich atmen.
    Mein Blick ist offen und ich spüre,
    wie sich auch die letzten Stücke der einst hohen Mauer in meiner Brust lösen.
    Da wo das Herz schlägt, ist es warm.
    Ich bin auf Empfang gestellt und verliere mich in der Unendlichkeit der Stadt.
    Hier in dieser Stadt, in die ich nicht reinpassen muss,
    denn ich passe von selbst.

    Ich laufe durch den Kiez:
    Ein Mann öffnet sein Geschäft.
    Klamotten hängen ordentlich gereiht in einem schmalen Gang.
    Hier lebt er seinen Traum, sagt er.
    Aus der Dönerbude nebenan tönt lauter HipHop.
    Dass ich Fan bin, sage ich- sie sind Fans erwidern sie und zwinkern mir zu.
    Im Kiosk ruhen freundliche Augen auf mir-
    Kartenzahlung erst ab zehn, aber „ist schon okay“ sagt er
    und reicht mir meine Flasche Wasser und die Packung Airwaves.
    Einkaufen, wo es 24 Stunden Gemüse gibt.
    „Mademoiselle“, lacht er und streckt mir die weiße Plastiktüte mit dem Salat entgegen.
    Ich fahre mit der Bahn Richtung Kreuzberg.
    Das Mädchen mit den großen braunen Augen sitzt mir gegenüber-
    wir lächeln uns an. Hier braucht es keinen Grund,
    nur einen kurzen Ausdruck flüchtiger Verbundenheit.

    Freiheit bekommt einen neuen Ausdruck,
    denn hier leben Räume ohne Bewertung.
    Hier fühlt sich jede Tageszeit besonders an.
    Der Morgen wie ein Neustart,
    das Highlight folgt am Mittag
    und endet im großen Finale am Abend.

    Diese Stadt schläft nicht. Und deswegen wache ich jeden Morgen auf,
    mit schweren Beinen, kleinen Augen und wunden Füßen.
    Sie sind ein Zeichen meiner bedingungslosen Hingabe.

    Hier ist mein Platz, hier will ich bleiben:
    Berlin- Damals war ich ein Gast, jetzt bin ich dein Inventar. 

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

  • Nächte 

    Nächte 


    Der Barlärm wird leiser. Ein Windstoß wirbelt einen zerrissenen Flyer vor meinen Füßen auf. Die Dunkelheit taucht die Straßen in eine friedliche Kulisse.
    Die Anzeige zeigt acht Minuten.

    Acht Minuten und ich greife nach meiner Packung Marlboro Gold. Sie ist zerknickt. Zwei Zigaretten haben den Abend überlebt.
    Die frische Nachtluft vermischt sich mit dem Rauch des ersten Zuges.
    Leichter Schwindel mischt sich mit dem Nebel vom Alkohol in meinem Kopf, während ich eine Frau beobachte, die vertieft in ihr Smartphone tippt.
    Ihre langen braunen Haare fallen elegant über ihre Schultern und umspielen ihre kleinen Tattoos.
    Eine Schlange, ein Blitz und ein Auge.
    Sie lacht, greift in ihre Tasche und zieht sich ihre Lippen mit rotem Stift nach. Sie wirft einen Blick in die Ferne und winkt. Ihre Gestalt wird kleiner.

    Sieben Minuten. Ich schnipse die Asche ab.
    Ich denke an vergangene Zeiten. Wo ich bereits war, wie sich mein Außen bis heute verändert hat und wer ich gerade bin.
    Wer bin ich?
    Ich komme zu keiner Antwort,
    weiß nur, dass ich mich anders fühle.
    Dass jede Entscheidung mich weiter dahin brachte,
    die Schwere in mir abzulegen. War ich je freier als jetzt?

    Sechs Minuten und meine Gedanken ziehen in die Nacht.
    Zwei Personen steigen aus einer Bahn,
    schwere Schritte kommen auf mich zu und bleiben stehen.
    Ich warte auf das mulmige Gefühl, was ich stets empfand.
    Dieses, was jede Frau kennt, weil wir uns nachts angreifbar fühlen. Aber alles, was ich fühle, ist innere Ruhe.
    Und ich verliebe mich noch mehr.
    In diese Stadt, die mir unter all den anderen Städten ein Gefühl von Heimat, Geborgenheit und gleichzeitig grenzenloser Freiheit gibt.

    Fünf- mein Magen fängt an sich mit einem Ziehen bemerkbar zu machen. Hunger macht sich breit. Ich denke an „Italian Food Berlin“. Pasta drei Uhr morgens, frisch gekocht. In der Stadt die niemals schläft.

    Vier. Ich blicke hoch und betrachte den Mond. Mit wie viel Ruhe er dort am Himmel verweilt, denke ich.
    Er ist halb gefüllt. Ich überlege, wie oft ich dieses Bild betrachtet habe und wie viele verschiedene Gefühle ich dabei bereits empfand.
    Verzweiflung. Sorgen. Angst.
    Doch davon ist nichts mehr wahr.
    Wärme breitet sich aus.

    Drei. Massiver Altbau, Stuck verziert die Fenster. Jemand schließt das geöffnete Fenster. Das Licht geht aus.

    Zwei, mein iPhone leuchtet auf. „Morgen See?“. Ich lächele.

    Eins und Ich höre die Tram aus der Ferne. Ich inhaliere den letzten Zug meiner Kippe. Die Türen öffnen sich. Ich steige ein und verabschiede die Nacht. 

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert