Kategorie: Poem

  • dreißig von dreiunddreißig

    dreißig von dreiunddreißig

    Für Anna.

    Dreißig von dreiunddreißig Jahren-
    Du warst die erste Person, die ich sah,
    als ich selbst noch nicht wusste, wer ich war. 

    Weißt du noch, wie wir die Nächte nebeneinander lagen
    und uns unsere Welt ausmalten?
    Eine Welt, in der wir größer sind,
    denn wir wollten alles sein-
    außer weiterhin ein Kind.
    Denn damals fühlten wir uns oft allein,
    aber zusammen konnten wir wenigstens gemeinsam alleine sein. 

    Wir teilten uns Klasse eins bis vier
    aber waren oft nicht wie die anderen,
    das wussten wir. 

    Und weißt du noch, wie wir uns Nachrichten in ein Tagebuch schrieben,
    damit wir auf dem Laufenden blieben?
    Wie wir zu ATC auf Kassetten tanzten,
    heimlich die Bravo lasen,
    Polly Pocket in deinem Zimmer spielten
    und uns dennoch für viel älter hielten? 

    Weißt du noch, wie wir uns Jahre nicht sahen?
    Wir machten Erfahrungen in anderen Kreisen
    und ließen andere Menschen
    uns das Wort Freundschaft beweisen.

    Bis zur Wiesenstraße fünfundsechzig-
    da fanden wir uns wieder,
    hatten zwar andere,
    aber mochten uns lieber. 

    Und weil wir nun endlich alt genug waren,
    probierten wir all das aus, was wir uns als Kind bereits sagten.
    Meinen ersten Liebeskummer verbrachte ich im tiefen Winter in deinem Zimmer-
    aber das Gefühl hielt längst nicht für immer.
    Das war auch die Wohnung in der wir unseren Abend mit Lübzer und Kirsche begannen
    und uns später in einem der zwei Kleinstadtclubs wiederfanden. 

    Es folgte das erste Mal Urlaub zu zweit in einem anderen Land,
    das war mit dir-
    auch wenn Rimini nicht wirklich für Urlaub stand. 

    Das war die Zeit, in der wir zuletzt in derselben Stadt lebten,
    denn ab da gab es sechshundert Kilometer,
    die sich zwischen uns bewegten. 

    Und dann weiß ich, riefst du mich an-
    denn aus zwei wird bekanntlich drei
    und ich weiß nicht, wann ich zuvor so viel Freude empfand. 
    Das war der Moment, in dem ich ein Kind zu lieben anfing,
    auch wenn ich selbst in einer ganz anderen Phase in meinem Leben hing. 

    Jetzt seid ihr eine Familie zu viert-
    und wenn ich eins weiß, dann das was ihr habt,
    eher selten passiert. 

    Neben der Liebe liegt der Schmerz
    und als die Beziehung bei mir nicht hielt,
    wusste ich selbst nicht, was mit mir geschieht.
    Aber du warst bedingungslos da für mich,
    selbst ein Jahr danach gibst du mir Licht. 

    Nach dreißig von dreiunddreißig Jahren
    bist du keine Freundin,
    kein gewöhnliches „Wir“-
    Du bist ganz klar ein Teil von mir. 

    2 Antworten zu „dreißig von dreiunddreißig“

    1. Anonym

      So schön

    2. Anonym

      Sooo schön! 🥹🫶
      Vielen Dank für diese wunderschönen und besonderen Worte!🥰
      So dankbar für dein da sein und unsere Verbundenheit! 🤗😘❤️

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  • Freier Fall

    Freier Fall

    Mein Gehen war der egoistische Versuch, meinem Leben mehr Tiefe zu geben.
    Doch die Tiefe fühlt sich oft wie ein freier Fall an.
    Ein freier Fall, der Erinnerungen immer schneller an mir vorbei ziehen lässt.
    So schnell, dass mir schwindelig wird und mein Herz weh tut.
    Es tut weh, weil die Sehnsucht nicht vergeht.
    Sie bleibt da und schaut mir tonlos dabei zu, wie ich versuche,
    meine Wahrhaftigkeit mit Leben zu füllen.
    Und das gelingt mir manchmal gut.
    Aber dann gibt es wieder Tage, an denen Tränen meinen Gedanken Ausdruck verleihen
    und ich mich zurück in deinen Arm sehne.
    In deinen Arm, der mein zu Hause und unsere Liebe war.
    Diese Liebe, die ich mir seither versuche selbst zu geben- und zum mindest bin ich jetzt mehr Ich

    -aber eben ohne Dich.

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  • Polarität

    Polarität

    Ich mag den Lärm.
    Den von der Großstadt. Wenn ich mit dem Fahrrad auf den belebten Straßen Richtung Mitte fahre. Das Stimmengewirr aus den Cafés und die laute Musik aus der Bar.
    Ich mag den Lärm, wenn meine Energie wieder grenzenlos scheint und ich mein Leuchten verteile.
    Wenn meine Neugier mich trägt und ich mich in dem Meer aus Gesprächen verliere.
    Und wenn mein Lachen den Raum mit Leichtigkeit füllt, die Zigarette nach Freiheit schmeckt und der Alkohol uns zu Freunden der Nacht erklärt.  

    Und dann mag ich die Stille.
    Die Stille einer leeren Wohnung und wenn niemand mit mir spricht. Wenn ich nach einer Autofahrt noch zehn Minuten länger auf dem Sitz verweile und diese kleine Blase der Trennung vom Außen mit Ruhe fülle.
    Wenn ich auf meinem Bett sitze, ohne dass ich jemandem zuhören muss.
    Wenn ich mich dabei in meinen Gedanken verliere.
    Wenn ich meine Energie nicht mehr halten kann und die Schwere meine Leichtigkeit vertreibt.
    Ich mag diese Stille, weil sie mir meine Tiefe zeigt.
    Weil ich ohne sie mein Sein nicht spüren kann.
    Weil ich nur durch die Ruhe weiß, wie ich im Lärm wieder wachsen kann.

  • schlaflos

    schlaflos

    Ich liege nachts wach,
    dunkle Umrisse formen sich zu einem Bild.
    Meine Gedanken werden lauter,
    aber ich halte sie nicht auf –
    bin zu schwach.

    Erst eins, dann zwei,
    dann drei Gedanken türmen sich auf.
    Mein Kopf wird schwerer,
    komm‘ hier nicht raus.

    Denke an die Hafermilch im Kühlschrank,
    den Kaffee am Morgen,
    an gestern,
    an heute,
    den Job,
    und meine Sorgen.

    Habe die Stadt verlassen,
    ein neues Leben begonnen.
    Sehe trotzdem nicht klar –
    bin noch nicht angekommen.

    Bin ich auf dem richtigen Weg?
    Das ist die Frage, die mich am meisten bewegt.

    Aber wer entscheidet das,
    denke ich nach.

    Menschen leben nach Konzepten,
    die sie erfanden,
    um Menschen zu verstehn‘.
    Selbst wenn andere es mir sagen,
    würde ich meinen eigenen Weg gehn‘.

    Seit dem Umzug denke ich viel weniger,
    was denken die anderen über mich,
    denke ich.

    Aber denke weiter und komme wieder dahin,
    dass ich eigentlich nicht weiß, wer ich bin.
    Was mache ich hier und wo ist der Sinn?

    Finde die Antwort nicht.
    Bin einfach zu müde,
    aber schlafe immer noch nicht.

    Beschließe das Fenster zu öffnen –
    atme tief ein.
    Hatte viele Gedanken,
    aber lasse keinen neuen mehr rein.

    Erst eins, dann zwei
    dann drei Gedanken lösen sich auf.
    Mein Kopf wird leerer –
    und ich atme aus.

    2 Antworten zu „schlaflos“

    1. Deniz Hasenöhrl

      Wunderschön liebe Nina, wie Du schreibst ❤️

    2. Dr. M. J.

      Inspirierend. Chapeau.

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  • J.

    J.


    Meine Gedanken schweifen nur noch selten an den Ort,
    an dem ich dich traf.
    Ich kann dich nicht mehr sehen,
    denn dein Bild verblasst.

    Ich erinnere mich:
    Ich legte all meine Hoffnung in dich.

    Doch du warst nicht der, für den ich dich hielt.
    Du warst nur der,
    in den ich meine Erwartungen schrieb.

    „Ich kann das nicht.“,
    ist alles, was von dir kam.
    Du bist mir ausgewichen,
    konntest nicht halten, was du versprachst.

    Wie eine leere Hülle standest du da –
    konnte nicht mehr sehen,
    was ich mal sah.

    Und ich habe dich beim Wort genommen.
    Bin gegangen, ohne zu wissen, was kommt.
    Bin jetzt viel mehr Ich –
    ohne dich unter meinem Horizont.

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  • Möbliertes Apartment 

    Möbliertes Apartment 


    30 Quadratmeter starren mich an.
    Planlos schaue ich aus dem Fenster.
    Die Scheibe ist groß und flutet den viel zu kleinen Raum mit Licht.
    Es ist Januar und die Bäume sind kahl.
    Die Sonne spiegelt sich im gefrorenen See.
    Ich beobachte die Enten ihre Runden drehen.
    Gedankenverloren stehe ich hier.
    Eins, zwei, drei- sind es zehn Minuten?
    Eine Träne läuft über meine Wange.
    Ich spüre, wie sich Wut und Traurigkeit
    die Hand reichen und meinen Körper mit Hitze füllen.
    Und wieder starren mich 30 Quadratmeter tonlos an.
    Die Wände kommen näher, ich muss raus.
    Ich brauche Luft, ich glaube zu ersticken.
    30 Quadratmeter und sonst nichts.
    Ich weiß, wo ich herkomme, doch nicht wo ich hin möchte.
    Panik schiebt sich durch meine Lungen.
    Das Atmen fällt mir schwer.
    Ein Bett, ein Schrank, ein Fenster. Und ich.
    Zweifel breiten sich in meiner Magengegend aus.
    Sie bahnen sich ihren Weg durch die Brust und füllen meinen Kopf mit Nebel.
    30 Quadratmeter und mir wird schlecht.

    Es ist Februar. Ich sitze noch hier.
    Blicke aus dem Fenster und sehe wie sich Sonnenstrahlen auf dem See spiegeln. Er ist nicht mehr gefroren.
    Heißer Kaffee wärmt die Tasse und hält mich im Moment.
    „Danke für die Schönheit des Morgens“, schreibe ich und blicke in die Ferne.

    Der März bricht an, es wird dunkel in mir.
    30 Quadratmeter und ich.
    Seitlich liegend ist da nichts, was mir Sicherheit gibt.
    Nichts- außer diese leise Stimme in mir.
    Ich klammere mich mit letzter Kraft an sie,
    denn es ist alles woran ich noch glaube.
    30 Quadratmeter und Sie ebnet mir den Weg.
    „Vertrauen“ flüstere ich in die Nacht. „Ich muss vertrauen“.
    Ich werde leise und kehre ein.

    April- ich gehe raus.
    Es liegt die Frische eines neuen Lebens in der Luft.
    Als würde mein Vertrauen sein Versprechen einhalten und mir langsam die schweren Türen öffnen.

    30 Quadratmeter im Mai sind 30 Quadratmeter zu viel.
    Ich lasse los-verschenke den Ballast in jedem Moment.
    Ich will ihn nicht mehr, denn ich habe genug.
    30 Quadratmeter lösen sich auf-
    ich gehe für immer und atme auf. 

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  • Fünf Worte

    Fünf Worte

    Du sitzt vor mir. „Was ist los?“ hast du gefragt. Ich werde taub. Dröhnende Stille umgibt mich. Dicke Luft und schwerer Atem, der mich plagt.

    Wie in einem Meer aus Watte, versuche ich nicht zu ertrinken. Versuche was zu fühlen, aber kann nichts mehr spüren.

    Mein Herz fängt erst an zu rasen, dann wird es still. „Ich kann das nicht mehr“ ist alles was ich sag‘.

    Dein Blick ist glasig, Sekunden vergeh‘n. Du siehst mich an, doch kannst mich nicht mehr versteh‘n.

    Ein Leben zu Zweit.

    Fünf Worte.

    Für immer entzweit.

    2 Antworten zu „Fünf Worte“

    1. Anonym

      Das ist echt super schön 🙂

    2. Anonym

      Sehr berührend und schön geschrieben ❤️

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