Kategorie: Prosa

  • Januar

    Januar

    Wie jedes Jahr beginnt auch dieses wieder mit einem Januar. Tage der Einkehr, der Rückblende und Vorausschau. Wie jeden Januar, laufe ich durch die Straßen, suche den perfekten Ort für meine perfekte neue Routine und kaufe perfekte neue Dinge, die dann abends meinen Raum mit neuen Ritualen füllen. 

    Heute brennt das Räucherstäbchen, neben dem Amethysten und dem grünen Aventurin. Mit Zuversicht visualisiere ich das Jahr und entspanne mich, denn der Dezember war wie jedes Jahr viel zu aufreibend, viel zu laut- einfach viel zu viel.

    Wie jedes Jahr fühlen sich die ersten Tage im neuen Jahr nach etwas Unbekanntem an. Als würde ich einen neuen Ort betreten, an dem ich mich erst noch zurechtfinden muss. Meine Karte ist noch nicht kalibriert- und so versuche ich die Tage langsamer zu starten, langsamer zu denken und langsamer zu atmen.
    Denn ich kenne weder das Tempo noch den richtigen Gang für das was kommt. Ich weiß nur, dass ich hier am Anfang stehe und mich wieder ein bisschen neu, ein bisschen ungewohnt und ein bisschen aufgeregt fühle. Es ist wie dieses Gefühl, gebadet und sauber in die frische Bettwäsche zu steigen und sich zum besten Song der Playlist das schönste Leben auszumalen.

    Denn auch dieses Jahr weiß ich nicht, welche Geschichten sich aus meinem Erlebten formen und ob ich dieses Mal mehr lebe als zu wachsen.

    Es ist eben nicht nur ein Januar. Es ist der Neustart eines Jahres, welcher sich später wieder zu einer Zahl der Erinnerung formt und ein ganz bestimmtes Gefühl hinterlässt. 

    Eine Antwort zu „Januar“

    1. Anonym

      🙏✨

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  • Das Leben in Wellen

    Das Leben in Wellen

    Noch eben glitt ich durch meinen Alltag aus Routinen und Vertrautheit. Nichts, was mich fliegen- aber auch nichts, was mich fallen ließ. Eine monotone Aneinanderreihung von vorhersehbaren Ereignissen. Ereignisse, denen ich von Zeit zu Zeit versuchte, Farbe zu verleihen. Farben, die Restaurants, Bars und Urlaube auf meinen Weg malten. Ein Weg, der so gerade und sauber vor mir lag, dass ich nicht mal mehr eine Karte brauchte, um mich zurechtzufinden. Da war der Job, das Geld, die Ehe und hinten sah ich bereits eine Familie, das Haus und ja, auch die Liebe. Ein Leben, das mir die Sicherheit zurückbrachte, die mir in der Kindheit genommen wurde. Ein fairer Tausch. Eine Rechnung, die aufging. Sie ging auf, solange ich die innere Leere mit der Sicherheit des Weges übertönte. 

    Doch von Zeit zu Zeit war da diese innere Stimme. Irgendwas wollte sie mir sagen, aber ich hörte nicht hin. Sie war zu leise und sie ließ mich in Ruhe, sobald ich mein Außen mit Dingen füllte. Dinge, die manchmal relevant waren, aber manchmal auch nur das Außen lauter drehten, um die Leere nicht hören zu müssen. 
    Aber hin und wieder sah ich in der Ferne eine Welle anrollen. Noch war sie so klein, dass ich sie kaum wahrnahm und schnell in die andere Richtung schaute- da, wo nur Ruhe zu sehen war. 
    Und das ging eine Zeit lang gut, denn ich hatte gelernt, die Wellen zu ignorieren. 

    Ein schönes Leben. 

    Und dann, wie aus dem Nichts, wurde mir meine Fähigkeit genommen, meinen Blick zu senken. Auf einmal sah ich sie näher kommen. Unausweichlich türmte sie sich vor mir auf. Wurde immer größer und kam mir näher. Und ich hatte Angst. Angst nicht mehr fähig zu sein, zu schwimmen und getragen zu werden. Den Fluss des Lebens zu verlieren. 

    Eine Angst, die mich lähmte. Und so stand ich dort, blind für den nächsten Schritt, unfähig das Richtige zu tun. Denn diese Welle war zu groß. Sie war zu dunkel und ich hatte nichts, woran ich mich noch festhalten konnte. 

    Aber zum Weglaufen war es zu spät, denn sie war bereits da. Ich blickte in ihr Innerstes und sah nichts außer die Dunkelheit des Lebens. Erst nahm sie mir die Stärke, dann die Kontrolle und dann meine Sicht. Orientierungslos ließ ich mich treiben, nicht weil ich es wollte, sondern weil ich nicht anders konnte. 

    Sie riss alles mit, was ich hatte. Das Zuhause, die Liebe und den Job. Sie spülte es Monat für Monat weiter von mir weg. Und so sehr ich auch versuchte, es festzuhalten, umso größer wurde die Kluft zwischen mir und dem Leben. Diesem Leben, wie ich es mal kannte. 

    Und die Stimme, die einst noch flüsterte, rief nun nach mir und wiederholte ein Wort. Vertrauen.
    Alles, was mir blieb- es war alles, woran ich noch glaubte. Vertrauen.
    Dass die Welle abflacht.
    Dass ich bald auftauchen kann. 
    Dass ich wieder atmen kann.

    Als ich das nächste Mal die Augen öffnete, erstreckte sich die stille Weite einer mir unbekannten Leere vor mir. Ich versuchte zu erkennen, aber alles mir Bekannte war längst weggespült worden. Ohne Orientierung trieb ich- unsicher, ob ich der richtigen Richtung folgte. Ich spürte die ersten Sonnenstrahlen auf meiner blassen Haut. Nun, wo ich zwar ohne Kompass, aber immerhin mit der inneren Ruhe dahinglitt, nahm ich die Schönheit des Moments wahr. 
    Die warme Sommerluft nahm mir die unendliche Schwere der letzten Monate und schenkte mir den neuen Rhythmus meines Lebens. 

    Hier in der neuen Stadt, in der anderen Wohnung und den unbekannten Menschen, fühlte ich mich auf einmal richtig in mir. Wie ein Verschluss, der vorher nicht schließen konnte, weil die Endstücken einfach nicht passten- rastete er nun komplett ein. Mein Inneres synchronisierte sich mit dem Außen und ich fühlte eine neue Freiheit in mir aufsteigen. 

    Und gerade als ich durchatmen wollte-  dachte, es sei überstanden und vor mir läge das neue Leben, erfasste mich die Welle erneut. Drückte ihre Dunkelheit über mich und spülte literweise Traurigkeit durch meinen Körper. Traurigkeit über mein Gehen, das Verlassen, die Verluste und das Scheitern einer Liebe. Das Unbekannte fühlte sich wieder fremd an- Unsicherheit machte sich erneut in mir breit. Ich gestand mir ein, dass ich noch nicht mit beiden Beinen auf dem Boden stand- dass ich immer noch auf der Suche nach Halt war, dass ich noch nicht die Frau war, die ich vor meinem inneren Auge sah- eine Version von mir, die in der Ferne auf mich wartete. 

    Und auf einmal verstand ich etwas. Etwas, das mir größer vorkam, als ich es je war. 
    Die Wellen des Lebens sind nicht gegen mich. Sie nehmen das, was nicht mehr passt, damit ich meinem Zukunftsich näher komme.
    Orientierungslos zu sein, ist der Moment, in dem ich anfange, mich treiben zu lassen. Mich treiben lassen, ohne an etwas festzuhalten. 
    Und was ist, wenn das der einzige Zustand ist, in dem ich wirklich frei bin?
    Keine Erwartungen, die auf mir lasten,
    keine Bedingungen, die ich erfüllen muss,
    keine Deadlines die ich einhalten soll.
    Einfach Ich- und diese Gewissheit, dass, wenn ich anfange, die Schritte zu gehen, meine Richtung von alleine auf meinem Weg erscheint. 

    Bis dahin bleibe ich hier. 

    Ich bleibe hier, schaue nicht auf die Wellen, die hinter mir liegen- aber blicke auch nicht in die Ferne. 

    Ich bleibe hier, in der Schönheit des Moments, auf dem weißen Blatt Papier, in einer Version von mir, die ich selbst noch nicht kenne. 

    Eine Antwort zu „Das Leben in Wellen“

    1. Anna

      Wieder sehr berührend und so schön geschrieben! 🥹🫶

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  • dreißig von dreiunddreißig

    dreißig von dreiunddreißig

    Für Anna.

    Dreißig von dreiunddreißig Jahren-
    Du warst die erste Person, die ich sah,
    als ich selbst noch nicht wusste, wer ich war. 

    Weißt du noch, wie wir die Nächte nebeneinander lagen
    und uns unsere Welt ausmalten?
    Eine Welt, in der wir größer sind,
    denn wir wollten alles sein-
    außer weiterhin ein Kind.
    Denn damals fühlten wir uns oft allein,
    aber zusammen konnten wir wenigstens gemeinsam alleine sein. 

    Wir teilten uns Klasse eins bis vier
    aber waren oft nicht wie die anderen,
    das wussten wir. 

    Und weißt du noch, wie wir uns Nachrichten in ein Tagebuch schrieben,
    damit wir auf dem Laufenden blieben?
    Wie wir zu ATC auf Kassetten tanzten,
    heimlich die Bravo lasen,
    Polly Pocket in deinem Zimmer spielten
    und uns dennoch für viel älter hielten? 

    Weißt du noch, wie wir uns Jahre nicht sahen?
    Wir machten Erfahrungen in anderen Kreisen
    und ließen andere Menschen
    uns das Wort Freundschaft beweisen.

    Bis zur Wiesenstraße fünfundsechzig-
    da fanden wir uns wieder,
    hatten zwar andere,
    aber mochten uns lieber. 

    Und weil wir nun endlich alt genug waren,
    probierten wir all das aus, was wir uns als Kind bereits sagten.
    Meinen ersten Liebeskummer verbrachte ich im tiefen Winter in deinem Zimmer-
    aber das Gefühl hielt längst nicht für immer.
    Das war auch die Wohnung in der wir unseren Abend mit Lübzer und Kirsche begannen
    und uns später in einem der zwei Kleinstadtclubs wiederfanden. 

    Es folgte das erste Mal Urlaub zu zweit in einem anderen Land,
    das war mit dir-
    auch wenn Rimini nicht wirklich für Urlaub stand. 

    Das war die Zeit, in der wir zuletzt in derselben Stadt lebten,
    denn ab da gab es sechshundert Kilometer,
    die sich zwischen uns bewegten. 

    Und dann weiß ich, riefst du mich an-
    denn aus zwei wird bekanntlich drei
    und ich weiß nicht, wann ich zuvor so viel Freude empfand. 
    Das war der Moment, in dem ich ein Kind zu lieben anfing,
    auch wenn ich selbst in einer ganz anderen Phase in meinem Leben hing. 

    Jetzt seid ihr eine Familie zu viert-
    und wenn ich eins weiß, dann das was ihr habt,
    eher selten passiert. 

    Neben der Liebe liegt der Schmerz
    und als die Beziehung bei mir nicht hielt,
    wusste ich selbst nicht, was mit mir geschieht.
    Aber du warst bedingungslos da für mich,
    selbst ein Jahr danach gibst du mir Licht. 

    Nach dreißig von dreiunddreißig Jahren
    bist du keine Freundin,
    kein gewöhnliches „Wir“-
    Du bist ganz klar ein Teil von mir. 

    2 Antworten zu „dreißig von dreiunddreißig“

    1. Anonym

      So schön

    2. Anonym

      Sooo schön! 🥹🫶
      Vielen Dank für diese wunderschönen und besonderen Worte!🥰
      So dankbar für dein da sein und unsere Verbundenheit! 🤗😘❤️

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  • Swipe

    Swipe

    Ein Swipe nach rechts- und sie ist da. Die gelangweilte Neugier auf noch eine Person, die ich nicht kenne. Diese Oberflächlichkeit, die sich von ganz alleine in meinem Sein breitmacht.
    Fast bemerke ich nicht, wie ich meinen Wunsch nach der Tiefe in Personen, durch die Hässlichkeit meiner Bewertung ersetze:

    Sieht ganz nett aus, aber irgendwie mag ich die Hose nicht, die er trägt.
    Sein Lächeln- ganz süß, aber finde den Fehler in der Art, wie er da steht. 

    Ich scrolle durch sein Profil und setze das Bild eines Menschen, mit den kleinen Fragmenten aus Fotos und Sätzen zusammen.
    Und weiß auf einmal jetzt schon, was er sagt, was er mag und was er mich fragt.
    Die Vorstellung eines Treffens ödet mich an.
    Meine Gedanken öden mich an.
    Meine Gedanken- die so oberflächlich um Menschen kreisen und dabei ein Meer aus Gesichtern konsumieren. 

    Der Konsum, der mich zwischen all den Swipes müde macht. Es ist der gleichgültige Versuch, die Leere mit dem kurzen Gefühl von Zuspruch eines Matches zu füllen, nur um dann weiter durch die Masse der Fotos zu wischen.
    Denn  vielleicht wartet die schicksalhafte Fügung hinter dem nächsten Profil.
    Und führt ein Chat dann doch zu einem Treffen, wird die Begegnung begleitet von der stillen Erwartung nach Mehr. Eine unausgesprochene Hoffnung auf Distanzlosigkeit, um dem inneren Bedürfnis von Nähe nachzukommen.
    Gleichzeitig wird der Drang immer größer zu gehen-
    denn der Konsum ist wie eine Droge: nach einem Date folgt das nächste Match und so vermischen sich die Geschichten, die Gesichter und die Tage zu einem Brei aus endloser Belanglosigkeit.

    Und nun sitze ich hier, starre das Display an-
    und fühle mich leer. 
    Ich lösche die App,
    denn ich kann das nicht mehr.

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  • Freier Fall

    Freier Fall

    Mein Gehen war der egoistische Versuch, meinem Leben mehr Tiefe zu geben.
    Doch die Tiefe fühlt sich oft wie ein freier Fall an.
    Ein freier Fall, der Erinnerungen immer schneller an mir vorbei ziehen lässt.
    So schnell, dass mir schwindelig wird und mein Herz weh tut.
    Es tut weh, weil die Sehnsucht nicht vergeht.
    Sie bleibt da und schaut mir tonlos dabei zu, wie ich versuche,
    meine Wahrhaftigkeit mit Leben zu füllen.
    Und das gelingt mir manchmal gut.
    Aber dann gibt es wieder Tage, an denen Tränen meinen Gedanken Ausdruck verleihen
    und ich mich zurück in deinen Arm sehne.
    In deinen Arm, der mein zu Hause und unsere Liebe war.
    Diese Liebe, die ich mir seither versuche selbst zu geben- und zum mindest bin ich jetzt mehr Ich

    -aber eben ohne Dich.

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  • Polarität

    Polarität

    Ich mag den Lärm.
    Den von der Großstadt. Wenn ich mit dem Fahrrad auf den belebten Straßen Richtung Mitte fahre. Das Stimmengewirr aus den Cafés und die laute Musik aus der Bar.
    Ich mag den Lärm, wenn meine Energie wieder grenzenlos scheint und ich mein Leuchten verteile.
    Wenn meine Neugier mich trägt und ich mich in dem Meer aus Gesprächen verliere.
    Und wenn mein Lachen den Raum mit Leichtigkeit füllt, die Zigarette nach Freiheit schmeckt und der Alkohol uns zu Freunden der Nacht erklärt.  

    Und dann mag ich die Stille.
    Die Stille einer leeren Wohnung und wenn niemand mit mir spricht. Wenn ich nach einer Autofahrt noch zehn Minuten länger auf dem Sitz verweile und diese kleine Blase der Trennung vom Außen mit Ruhe fülle.
    Wenn ich auf meinem Bett sitze, ohne dass ich jemandem zuhören muss.
    Wenn ich mich dabei in meinen Gedanken verliere.
    Wenn ich meine Energie nicht mehr halten kann und die Schwere meine Leichtigkeit vertreibt.
    Ich mag diese Stille, weil sie mir meine Tiefe zeigt.
    Weil ich ohne sie mein Sein nicht spüren kann.
    Weil ich nur durch die Ruhe weiß, wie ich im Lärm wieder wachsen kann.

  • Goldene Straßen

    Goldene Straßen

    Mit langsamen Schritten laufe ich Richtung Sonne.
    Sie taucht die Straße in ein tiefes Orange und hinterlässt ein Gefühl von Geborgenheit.
    In diesem Moment weicht der Dreck der Stadt, dem goldenen Licht der Abendsonne.
    Die kühle Luft vertreibt die dröhnende Hitze, die vom Mittag übrig geblieben ist.

    Und ich gehe weiter, halte Ausschau nach der nächsten Haltestelle.
    Entscheide mich um und werde langsamer.
    Denn es gibt hier so viel Schönheit im Augenblick der beginnenden Dämmerung.

    Neben dem Anzug läuft ein verkleideter Fuchs, der dem Kind mit den Zöpfen Platz macht.
    Sie zeigt begeistert auf das schillernde Kostüm einer großen Frau, die einen tiefen Zug ihrer Zigarette inhaliert. Sie spricht mit rauchiger Stimme zu der Verkäuferin mit den Blumen,
    während sie zufrieden einen Strauß bindet. Jemand mit roter Frisur kauft Rosen,
    die seine Augen leuchten lassen und ein Typ mit schwarzem Umhang summt fröhlich ein Lied,
    als er die Straße überquert.

    Mit jeder Begegnung wächst die Wahrhaftigkeit dieser Stadt in mir.
    Sie zeigt mir den wertfreien Raum inmitten der lebendigen Fülle der Freiheit.

  • schlaflos

    schlaflos

    Ich liege nachts wach,
    dunkle Umrisse formen sich zu einem Bild.
    Meine Gedanken werden lauter,
    aber ich halte sie nicht auf –
    bin zu schwach.

    Erst eins, dann zwei,
    dann drei Gedanken türmen sich auf.
    Mein Kopf wird schwerer,
    komm‘ hier nicht raus.

    Denke an die Hafermilch im Kühlschrank,
    den Kaffee am Morgen,
    an gestern,
    an heute,
    den Job,
    und meine Sorgen.

    Habe die Stadt verlassen,
    ein neues Leben begonnen.
    Sehe trotzdem nicht klar –
    bin noch nicht angekommen.

    Bin ich auf dem richtigen Weg?
    Das ist die Frage, die mich am meisten bewegt.

    Aber wer entscheidet das,
    denke ich nach.

    Menschen leben nach Konzepten,
    die sie erfanden,
    um Menschen zu verstehn‘.
    Selbst wenn andere es mir sagen,
    würde ich meinen eigenen Weg gehn‘.

    Seit dem Umzug denke ich viel weniger,
    was denken die anderen über mich,
    denke ich.

    Aber denke weiter und komme wieder dahin,
    dass ich eigentlich nicht weiß, wer ich bin.
    Was mache ich hier und wo ist der Sinn?

    Finde die Antwort nicht.
    Bin einfach zu müde,
    aber schlafe immer noch nicht.

    Beschließe das Fenster zu öffnen –
    atme tief ein.
    Hatte viele Gedanken,
    aber lasse keinen neuen mehr rein.

    Erst eins, dann zwei
    dann drei Gedanken lösen sich auf.
    Mein Kopf wird leerer –
    und ich atme aus.

    2 Antworten zu „schlaflos“

    1. Deniz Hasenöhrl

      Wunderschön liebe Nina, wie Du schreibst ❤️

    2. Dr. M. J.

      Inspirierend. Chapeau.

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  • Regentropfen

    Regentropfen

    Zwei Kerzen tauchen die weiße Wand in ein warmes Orange.
    Lorde singt über jemanden, den sie eigentlich nicht lieben will,
    während ich auf dem Bett liege und den Geruch von frischer Bettwäsche einatme.
    Ich höre die Regentropfen an die Scheibe prasseln,
    wie die Blätter der Bäume aus dem Innenhof rascheln
    und das Wetter die Stadt um einige Dezibel leiser dreht.

    Das Grau des Himmels öffnet den ruhigen Raum der Einkehr.
    Denn eigentlich wäre heute Samstag.
    Ein Samstag, an dem man nicht still steht.
    An dem man sich in das Leben stürzt
    und sich Stunden von der Nacht leiht, um den Tag zu verlängern.
    Doch es regnet.

    Die Tropfen begleiten meinen Tag und dimmen das Licht.
    Gedanken türmen sich auf, sprechen mir zu.
    Sie fragen mich, wie ich mich nicht sinnlos fühle und wo ich nun hingehe.
    Aber ich gehe nirgendwo hin,
    denn es regnet.
    Und die Tropfen werden lauter.

    Mir fällt wieder auf,
    wie sehr wir damit beschäftigt sind, beschäftigt zu sein
    und dabei die angenehme Ruhe aus unserem Alltag drängen.
    Dass wir so viel Angst davor haben, etwas zu verpassen,
    dass wir vergessen uns selbst zu begegnen.
    Dass wir dabei ungeduldig auf das nächste Event warten,
    Zusagen treffen, Kalendereinträge planen
    und Countdowns setzen, nur damit wir unserem Sein Bedeutung schenken.
    Aber es regnet und die Tropfen verwässern die Pläne

    Also bleibe ich bei mir, fange an die Zeit zu genießen.
    Mit mir.
    Und meinen Gedanken, die immer noch laut sind-
    doch je mehr ich hinhöre, desto ruhiger wird die Stimme in meinem Kopf.
    Sie ist gar nicht gegen mich – wollte nur, dass ich sie beachte.

    Während die Regentropfen die Rinnen am Haus füllen,
    schaue ich nach Innen.
    Die Leere, die ich heute morgen noch mit meinen Plänen füllen wollte,
    wird von wohliger Wärme verdrängt.

    Ich verstehe, dass Ruhe von Lärm kommt,
    sowie das Dunkel vom Hellen.
    Dass Wärme da ist, weil es schon mal kalt war
    und wir im Außen sind, damit wir wieder einkehren.
    Also fühle ich in mich hinein und sehe die Angst vor den Dingen.
    Vor dem Alleinsein, dem Verpassen und dem Gedanken unbedeutsam zu sein.

    Und vielleicht bin ich allein-
    doch ich bin niemals einsam.
    Ich verpasse das Außen- aber fühle mein Sein.
    Und ich bin ich: das ist bedeutsam genug.

    Darum bin ich dankbar.
    Dankbar für die Regentropfen, die mir heute Ruhe schenken,
    damit ich morgen den Lärm wieder spüren kann.

    3 Antworten zu „Regentropfen“

    1. Anonym

      Schön!

    2. Deniz Hasenöhrl

      Sehr schön 🌱

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  • Kiez

    Kiez

    Ich öffne meine schweren Lider und blicke ins Jetzt.
    Ich streiche die Decke von mir und trete mit nackten Füßen auf die warmen Dielen.
    Helles Licht strömt ins Zimmer, begleitet vom leisen Stimmengewirr des Innenhofs.
    Der vertraute Duft von Kaffee steigt in meine Nase.
    Ich sitze hier. Dankbarkeit durchströmt mich. Ich muss lächeln. Meine Augen glänzen. Tränen der Erleichterung steigen in mir hoch.

    Als ich den heißen Asphalt der grenzenlosen Stadt betrete,
    fühle ich mich frei.
    Alles gepflastert mit Beton-
    doch ich kann endlich atmen.
    Mein Blick ist offen und ich spüre,
    wie sich auch die letzten Stücke der einst hohen Mauer in meiner Brust lösen.
    Da wo das Herz schlägt, ist es warm.
    Ich bin auf Empfang gestellt und verliere mich in der Unendlichkeit der Stadt.
    Hier in dieser Stadt, in die ich nicht reinpassen muss,
    denn ich passe von selbst.

    Ich laufe durch den Kiez:
    Ein Mann öffnet sein Geschäft.
    Klamotten hängen ordentlich gereiht in einem schmalen Gang.
    Hier lebt er seinen Traum, sagt er.
    Aus der Dönerbude nebenan tönt lauter HipHop.
    Dass ich Fan bin, sage ich- sie sind Fans erwidern sie und zwinkern mir zu.
    Im Kiosk ruhen freundliche Augen auf mir-
    Kartenzahlung erst ab zehn, aber „ist schon okay“ sagt er
    und reicht mir meine Flasche Wasser und die Packung Airwaves.
    Einkaufen, wo es 24 Stunden Gemüse gibt.
    „Mademoiselle“, lacht er und streckt mir die weiße Plastiktüte mit dem Salat entgegen.
    Ich fahre mit der Bahn Richtung Kreuzberg.
    Das Mädchen mit den großen braunen Augen sitzt mir gegenüber-
    wir lächeln uns an. Hier braucht es keinen Grund,
    nur einen kurzen Ausdruck flüchtiger Verbundenheit.

    Freiheit bekommt einen neuen Ausdruck,
    denn hier leben Räume ohne Bewertung.
    Hier fühlt sich jede Tageszeit besonders an.
    Der Morgen wie ein Neustart,
    das Highlight folgt am Mittag
    und endet im großen Finale am Abend.

    Diese Stadt schläft nicht. Und deswegen wache ich jeden Morgen auf,
    mit schweren Beinen, kleinen Augen und wunden Füßen.
    Sie sind ein Zeichen meiner bedingungslosen Hingabe.

    Hier ist mein Platz, hier will ich bleiben:
    Berlin- Damals war ich ein Gast, jetzt bin ich dein Inventar. 

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  • Nächte 

    Nächte 


    Der Barlärm wird leiser. Ein Windstoß wirbelt einen zerrissenen Flyer vor meinen Füßen auf. Die Dunkelheit taucht die Straßen in eine friedliche Kulisse.
    Die Anzeige zeigt acht Minuten.

    Acht Minuten und ich greife nach meiner Packung Marlboro Gold. Sie ist zerknickt. Zwei Zigaretten haben den Abend überlebt.
    Die frische Nachtluft vermischt sich mit dem Rauch des ersten Zuges.
    Leichter Schwindel mischt sich mit dem Nebel vom Alkohol in meinem Kopf, während ich eine Frau beobachte, die vertieft in ihr Smartphone tippt.
    Ihre langen braunen Haare fallen elegant über ihre Schultern und umspielen ihre kleinen Tattoos.
    Eine Schlange, ein Blitz und ein Auge.
    Sie lacht, greift in ihre Tasche und zieht sich ihre Lippen mit rotem Stift nach. Sie wirft einen Blick in die Ferne und winkt. Ihre Gestalt wird kleiner.

    Sieben Minuten. Ich schnipse die Asche ab.
    Ich denke an vergangene Zeiten. Wo ich bereits war, wie sich mein Außen bis heute verändert hat und wer ich gerade bin.
    Wer bin ich?
    Ich komme zu keiner Antwort,
    weiß nur, dass ich mich anders fühle.
    Dass jede Entscheidung mich weiter dahin brachte,
    die Schwere in mir abzulegen. War ich je freier als jetzt?

    Sechs Minuten und meine Gedanken ziehen in die Nacht.
    Zwei Personen steigen aus einer Bahn,
    schwere Schritte kommen auf mich zu und bleiben stehen.
    Ich warte auf das mulmige Gefühl, was ich stets empfand.
    Dieses, was jede Frau kennt, weil wir uns nachts angreifbar fühlen. Aber alles, was ich fühle, ist innere Ruhe.
    Und ich verliebe mich noch mehr.
    In diese Stadt, die mir unter all den anderen Städten ein Gefühl von Heimat, Geborgenheit und gleichzeitig grenzenloser Freiheit gibt.

    Fünf- mein Magen fängt an sich mit einem Ziehen bemerkbar zu machen. Hunger macht sich breit. Ich denke an „Italian Food Berlin“. Pasta drei Uhr morgens, frisch gekocht. In der Stadt die niemals schläft.

    Vier. Ich blicke hoch und betrachte den Mond. Mit wie viel Ruhe er dort am Himmel verweilt, denke ich.
    Er ist halb gefüllt. Ich überlege, wie oft ich dieses Bild betrachtet habe und wie viele verschiedene Gefühle ich dabei bereits empfand.
    Verzweiflung. Sorgen. Angst.
    Doch davon ist nichts mehr wahr.
    Wärme breitet sich aus.

    Drei. Massiver Altbau, Stuck verziert die Fenster. Jemand schließt das geöffnete Fenster. Das Licht geht aus.

    Zwei, mein iPhone leuchtet auf. „Morgen See?“. Ich lächele.

    Eins und Ich höre die Tram aus der Ferne. Ich inhaliere den letzten Zug meiner Kippe. Die Türen öffnen sich. Ich steige ein und verabschiede die Nacht. 

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